Nie wieder Ausbildung!

Seit dem letzten Bildungsstreik im November 2009 hat sich die Lage der Schulen und Hochschulen kaum verändert. Auch wenn die Protestbewegung die Kultusministerkonferenz zu kosmetischen Eingriffen gedrängt hat, macht sich beim Bildungsstreik Frustration breit. Die hartnäckigen Bemühungen „haben bei den Verantwortlichen in Medien, Wirtschaft und Politik (..) zu wenig Wirkung ge-zeigt“, wie im Aufruf zu ihrem Aktionstag am 22. April bemängelt wird. Immer noch ist das Ausbildungssystem ein hässlicher Sektor, an dem alle um die Erlangung von Zertifikaten und Leistungspunkten ringen, weil er die einzige - und zunehmend zerbrechliche - Hoffnung ist, einen Job zu erlangen.

Die Protestaktionen des Bildungsstreiks orientieren sich mit einigem Recht am Mach- und Greifbaren, wenn sie etwa den Masterzugang für alle und eine Übernahmegarantie für Auszubildende fordern, weil aktuell nur solche Dinge den Abstieg in die Hartz-IV- Maßnahmen abwenden können. Zugleich ist der verinnerlichte Zwang zur Jagd nach Abschlüssen das Gegenteil von „selbstbestimmte[n] Lernen und Leben statt star- rem Zeitrahmen, Leistungsdruck und Konkurrenzdruck“, das der gleiche Aufruf einfordert. Worin bestehen die Widersprüche?

Bildung oder Ausbildung?

Um Bildung von dem zu unterscheiden, was tagtäglich in den Schulen und Hochschulen passiert, muss man sie von der reinen Wissensvermittlung abgrenzen. Bildung ist mehr als das reine Anhäufen von Wissensbrocken. Sie ist auch von Ausbildung zu unterscheiden, da diese für ein standardisiertes Zeugnis veranstaltet wird, um damit eine ökonomische Funktion oder staatliche Rolle erfüllen zu dürfen. Für gelingende Bildung ist entscheidend, dass mit ihr eine zwanglose Selbst-Bestimmung gegenüber den Mitmenschen, den gesellschaftlich produzierten Dingen und der - eigenen - Natur möglich ist. Soll Bildung für das Individuum frei sein, darf sie nicht von den Nützlichkeitserwägungen des Kapitals oder des Staates abhängig sein. Bildung als persönlicher Selbstzweck ist aber kein Ziel in den staatlichen und privaten Lehranstalten, wo Erfolg durch den benoteten Abschluss, einen akademischen Grad und eine berufliche Karriere ausgedrückt wird.

Es sollte in der aktuellen Auseinandersetzung um die prinzipielle Aufhebung der äußeren und inneren Zwänge gehen, die die Einzelnen nach Abschlüssen und Credit Points streben lassen und sie Tag für Tag der Zurichtung aussetzen. Für ein seine Freiheit liebendes Individuum ist die Ausbildung für Beruf und Akademie tatsächlich „umsonst“, also vergebens, weil sie vor allem dem künftigen Verkauf der Arbeitskraft und den guten Staatsbürgermanieren verpflichtet ist.

Die Bildungsstreikenden behaupten dagegen, dass es erst der Studiengebühren bedurfte, damit „Bildung zu einer individuellen Investition für den Arbeitsmarkt degradiert und ihres kritischen Potentials beraubt“ wurde. So wird der Ausbildungsbetrieb vor der Einführung der Langzeitstudiengebühren durch die rot-grüne Landesregierung im Jahre 2004 aus der Kritik genommen und seiner schon damals reichlich erbärmlichen Existenz ein Potential angedichtet, das jeder Lernende immer erst gegen seinen eigentlichen Ausbildungszweck entfalten musste und weiterhin muss.

Mit ihrer eingängigen Formel „Die Bildung gehört allen!“ deutet der Bildungsstreik dagegen an, dass Selbst-Bestimmung ihrerseits als besitzergreifen- des Gemeinschaftsprojekt gedacht und damit eine zwanglose Bildung durchkreuzt wird. Gemeinnutz, Eigennutz und „radikale Demokratisierung“

Der Bildungsstreik kritisiert eine zunehmende Ausrichtung „an wirtschaftlichen anstatt an gemeinwohlorientierten Interessen“. Als geeignetes Mittel dagegen empfiehlt er eine „öffentliche“, also staatliche Finanzierung des Bildungssystems und eine „radikale Demokratisierung“. Der Staat ist aber nicht die neutrale Schutzmacht, welche in der Lage ist, das Bildungswesen vor der kalten Logik des Wettbewerbs und den wirtschaftlichen Zwängen zu schützen. Dieser ist vielmehr ein mächtiger Akteur im internationalen Forschungswettbewerb. Die meisten Drittmittel für die Hochschulen liefert zum Beispiel die staatlich finanzierte „Deutsche Forschungsgemeinschaft“(DFG). Eine milliarden- schwere „öffentliche Bildungsfinanzierung“ kann auch dann keine freie Bildung erzeugen, wenn sie um weitere Milliarden Euro erweitert wird.

Denkt man zusätzlich die geforderte „radikale Demokratisierung“ konsequent zu Ende, also die politische Herrschaft aller Bildungsteilnehmer über alle (Bildungs-)Fragen, so ergibt sich daraus noch keine freie Bildung im Sinne des Einzelnen. Wie soll man sich auch dann - zum Beispiel - ein kostspieliges Erkenntnisvorhaben finanzieren lassen, das der überwältigenden Mehrheit inhaltlich nicht passt? Auffällig ist, dass die demokratischen Bildungsprotestler das Grundrecht der „Freiheit von Forschung und Lehre“ zu keinem Zeitpunkt anführen, um eine zentrale Minimalbedingung von Bildung in den ak-tuellen, von Selbst-Bestimmung entfremdeten Ver-hältnissen zu verteidigen.

Stattdessen werden mit „radikaler Demokratisierung“ und „Selbstverwaltung“ Dinge gefordert, die auf eine Verstaatlichung des Menschen und nicht auf eine Überwindung der politischen Herrschaft über die Bildungsanstrengungen hinaus laufen. Mit Demokratie, welche wörtlich Herrschaft des Volkes bedeutet, lässt sich ein Ende der Bedrängung durch mysteriöse „gemeinwohlorientierte Interessen“, wie sie der Streikbewegung vorschweben, jedenfalls nicht denken.

Für ein Ende der Ausbildung

Die Bildungsstreikbewegung kämpft also letztlich für eine Verbesserung des staatlichen Ausbil- dungsbetriebs. Die notwendige Entfesselung der Bildung aus den Bürgerpflichten und der Arbeitskraftvernutzung ist nicht ihr Projekt. Freie Bildung lässt sich nicht erstreiken und auch nicht per Gesetz verordnen. Eine nicht- gewalttätige Selbst-Bestimmung und selbst erzeugte Lebensgestaltung ist versperrt. Bis zur revolutionären Aufhebung der Verwertungsimperative von Staat und Kapital, die dafür notwendig wäre, kann in den Ausbildungsanstalten allenfalls ein kostenloser Rahmen für Kritik entstehen.

Es geht um eine Kritik, die man selbst entfalten muss und die bedeutet, sich der konstruktiven Verbesserungsvorschläge für eine absurde Gesellschaftsformation zu enthalten. Diese stumpfen Rituale, welche man schon im Politik-, Geschichts- und Sozialwissenschaftsunterricht der Schulen trai-niert, werden auch in der Universität nicht besser. Der herrschende Zwang zur Wahl oder zum kreativen Mitmachen führt keineswegs aus dem Elend des Ausbildungszwecks.

Kritische Tagesaufgabe wäre vielmehr, an einem Begriff von Bildung festzuhalten, dessen sich kein wie auch immer demokratischer Staat würdig er- weisen könnte und der so zwanglos wäre, dass er die Parole „Bildung für alle – und zwar umsonst!“ als sinnlosen Befehl eines Gemeinschaftskults erkannte. Schon 1908 hat Karl Kraus dazu sehr pas-sende Worte gefunden:

„Dass Bäcker und Lehrer streiken, hat einen Sinn. Aber die Aufnahme der leiblichen oder geistigen Nahrung verweigern, ist grotesk. Wenn es nicht etwa deshalb geschieht, weil man sie für verfälscht hält. Die lächerlichste Sache von der Welt ist ein Bildungshungerstreik. Ich stimme schon für die Sperrung der Universitäten; aber sie darf nicht durch einen Streik herbeigeführt werden. Sie soll freiwillig gewährt, nicht ertrotzt sein.“