Die Situation an den Schulen und Hochschulen ist nicht erfreulich und war es wohl auch nie. Täglich werden Schüler und Studierende mit Zumutungen des Bildungssystems konfrontiert, seien es zweifelhafte Lehrpläne, unzumutbare Lehrende, nicht bewältigbare Anforderungen oder Schulgeld und Studiengebühren. Diese Situation ist quer durch alle politischen Lager bekannt. Dies entbindet jedoch nicht davon, dies immer wieder zu benennen. Vielmehr noch ist auf die Möglichkeit von Veränderung zum Besseren hinzuweisen und diese auch tagtäglich einzufordern.
Jedoch darf die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenssituation nicht dort stehen bleiben, wo sie nur die äußere Erscheinung benennt, und deren Abstellung verlangt. So lässt sich zum Beispiel aus der reinen Forderung nach besser ausgestatteten Hochschulen auch die Notwendigkeit von Studiengebühren ableiten. Vielmehr sollte das Ziel sein, die Situation an den Schulen und Hochschulen zu analysieren und zumindest teilweise zu verstehen. Dies ist sicherlich nicht möglich, wenn man die Hochschule ohne die sie umgebende Gesellschaft und den Staat betrachtet. Eine solche umfassende Betrachtung bietet die Möglichkeit, eine fundierte Kritik zu formulieren und so vielleicht die Veränderung hin zu einer wirklich besseren Schule bzw. Hochschule einzuleiten.
Liest man die Flugblätter und Zeitschriften, die zum Bildungsstreik mobilisieren, so drängt sich der Eindruck auf, dass es keine Betrachtung der eigenen Situation gibt, die nicht weitestgehend äußerlich bleibt. So begibt man sich in zahlreiche Widersprüche, zum Beispiel wird einerseits die unerträgliche Situation in den Schulen bemängelt, andererseits wird das so genannte Turbo-Abitur vehement abgelehnt, wobei es doch die Aussicht birgt, die verhasste Schule ein Jahr früher zu verlassen. Oft wird die Forderung nach mehr Freiheiten, nach mehr Einfluss auf die Lehrinhalte usw. gestellt. Gleichzeitig wird sich aber immer wieder ins Gedächtnis gerufen, dass hier die eigenen Lebenschancen, in Form von Berufsausbildungen und den richtigen Universitätsabschlüssen,verhandelt werden. Was vorher vermeintliche Fremdbestimmung war, wird durch die eigene Selbstdisziplinierung ersetzt, dass dies in letzter Konsequenz auch nur eine andere Form von Unfreiheit bedeutet, wird nicht reflektiert. Der Versuch, diese Widersprüche zu fassen, bietet die Möglichkeit, Vieles über die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Einrichtung des Bildungssystems zu lernen.
Grundlegend für ein solches Projekt ist ein belastbarer Begriff von Bildung. Es ist überraschend, dass in den Publikationen zum Bildungsstreik nicht der Versuch unternommen wird, diesen Begriff zu fassen, da man doch, wenn man den Namen wörtlich nimmt, für Bildung streikt. Hier zeigt sich schon die Schwierigkeit: Verwendet wird das Wort Bildung, gemeint ist jedoch meist wohl das Bildungssystem. Offensichtlich kann man Bildung nicht erstreiken, sondern vielleicht durch das Lesen eines Buchs, eine Italienreise oder durch Nachdenken mühsam erwerben.
Um Bildung von dem zu unterscheiden, was tagtäglich in den Schulen und Hochschulen passiert, muss man sie von der reinen Wissensvermittlung abgrenzen. Bildung ist mehr als das reine Anhäufen von Wissensbrocken. Bildung ist auch von Ausbildung zu unterscheiden, da diese Wissen immer mit dem Ziel vermittelt, dass der Empfänger danach in der Lage ist, eine gewisse Funktion oder Rolle auszuüben. Vielleicht kann man Bildung am besten fassen, indem man es gegen rein funktionales Wissen, Wissen, das dem Beherrschen einer Tätigkeit, dem Bewältigen von Naturereignissen oder auch von gesellschaftlichen Konventionen und Abläufen dient, abgrenzt. Jedoch ist sie nicht reiner Selbstzweck. Sie muss gerade auch gegen das verständnislose Halbwissen, das sich dem ziellosen Zusammentragen von Daten und Fakten widmet, abgegrenzt werden.
Fasst man Bildung so, wie hier geschehen, so muss man feststellen, dass es in den staatlichen Schulen nur am Rande um die Vermittlung von Bildung geht. Die Schulen und Universitäten verrichten auch nicht nur eine Dienstleistung für die Teilnehmer des Arbeitsmarktes. Sie sind mehr als eine Ausbildungsstätte von zukünftigen Facharbeitern und Ingenieuren. Gerade in den Geisteswissenschaften zeigt sich die zweite Aufgabe dieser Einrichtungen: Die ideologische Zurichtung der Schüler und Studierenden, aber auch die Produktion von Ideologie. Gerade heute, im Moment, in dem der Staat den Schulen und den Hochschulen mehr Freiheiten gewährt, greift er die willigen Kooperationsangebote der Hochschulen auf. So nimmt er zu gerne die Politikberatung durch die politikwissenschaftlichen und soziologischen Institute in Anspruch und schafft so eine bisher nicht gekannte Verquickung von Staat und Hochschule.
Immer wieder appellieren die Bildungprotestler an den Staat, von dem sie ein regulierendes Eingreifen fordern. Dieser solle die scheinbare Ökonomisierung des Bildungssystems unterbinden. Dieser Wunsch blendet jedoch die oben dargestellte Rolle des Staates im Bildungssystem aus. Der Staat ist nicht die Schutzmacht, die in der Lage ist, das Bildungswesen vor der kalten Logik des Wettbewerbs und der wirtschaftlichen Zwängen zu schützen, sondern ist selbst der größte Wettbewerber.
Der Ausweg aus der aktuellen Lage lässt sich nicht in vier oder fünf kurzen Forderungen formulieren. Vielmehr ist es angebracht, einen Maßstab für die Schulen und die Hochschulen zu benennen - Dies kann aber nur die individuelle Freiheit des Einzelnen sein. Dabei geht es nicht nur um eine äußerliche Freiheit. Die Freiheit, zu kommen oder zu gehen wann man will oder Hausaufgaben zu erledigen oder auch nicht. Vielmehr geht es um die Aufhebung der äußeren und inneren Zwänge, die die Einzelnen nach Abschlüssen und Diplomen streben lassen und sie Tag für Tag der Zurichtung aussetzen.
Zum Beginn des bürgerlichen Zeitalters war Bildung mit dem Versprechen von Emanzipation und Befreiung verbunden. Dieses wendet sich gegen die Gewalt der Gesellschaft und bietet die Möglichkeit zur Überwindung der Herrschaftsverhältnisse. Auch heute noch haben Schule und Hochschule zumindest das Potential, den Schülern und Studierenden zeitweise den Raum für Reflektion zu bieten, der dieser Gesellschaft so sehr fehlt. Damit würden sie den teilweisen Rückzug aus der Gewaltförmigkeit der Gesellschaft ermöglichen und somit die Möglichkeit zum freien Gedanken schaffen. Diese Möglichkeit ist gerade im Angesicht ihrer Unerfüllbarkeit weiterhin einzufordern.
Am Dienstag, den 24. November um 20:30 Uhr, werden wir ein Themenplenum zum Bildungsstreik und diesem Text veranstalten. Interessierte sind herzlich eingeladen. Wir treffen uns im Buchladen Le Sabot (Breitestr. 76, Bonn - Altstadt).