Wer von Studiengebühren redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen

Eine Anmerkung zu vergangenen und zukünftigen Protesten gegen Studiengebühren

Es ist selbstredend (fast) immer erfreulich, wenn sich Protest gegen die Einführung von Studiengebühren regt. Dies schon allein deswegen, weil es überhaupt nicht einzusehen ist, fortan noch 500 Euro pro Semester zusätzlich für ein Studium zu löhnen. Denn erstens kann der Mensch seine Zeit garantiert schöner verbringen, als seine Arbeitskraft für die Finanzierung der Gebühren noch mehr zu Markte zu tragen als bisher; und zweitens kennt jedeR unzählige angenehmere Dinge, für die sie oder er sein Geld ausgeben könnte.
Allerdings drehten sich die Proteste in der Vergangenheit oftmals gar nicht darum. Denn schaute man sich die Parolen der Studiengebührengegner an, stellte sich im Normalfall schnell heraus: Die Protestierenden wollten zumeist eher von den Entscheidungsträgern in der Bildungspolitik anerkannt werden. Dafür standen beispielsweise Aktionen wie etliche Appelle an den Rektor, das Beklagen des unsozialen Charakters der Gebühren, die Bildung zu Grabe zu tragen oder Bildungsmarathons zu veranstalten, die allein dem Zweck dienen, die eigene Lernbereitschaft unter Beweis zu stellen. So wurde mehr als deutlich, dass der Gesamtzusamm-enhang, in dem die Einführung der Gebühren zu betrachten wäre, bei dem Einen oder der Anderen häufig aus dem Blick geriet.

Die Wa(h)re Bildung

Die Forderung, Bildung dürfe keine Ware sein, zeugt von einem elitär-akademischen Zynismus: Allein die (Aus)Bildung soll plötzlich ein derart hohes Gut sein, dass es sich verbiete, auch sie als Ware zu veräußern. Diese Parole impliziert allerdings, dass die angesprochene Veräußerung für (beinahe) alle sonstigen Dinge schon in Ordnung gehe und erweckt darüber hinaus zusätzlich den Anschein, als werde Bildung erst dadurch kritisierbar und bekomme erst dadurch einen unangenehmen Charakter, dass für dieselbe bald auch noch Gebühren fällig sein werden. Auf diese Weise wird die derzeitige Bildungsorganisation – die nämlich die Ausbildung für den Arbeitsmarkt zu besorgen hat – verkannt.
Die heutige Gesellschaftsform ist zwar geprägt durch den Umstand, dass alle Güter für die Bedürfnisbefriedigung der Menschen vorhanden sind; allerdings bleiben diese zunächst einmal von jenen getrennt. Die nützlichen Dinge werden nämlich eben nicht zwecks Bedürfnisbefriedigung produziert, also etwa um Hunger zu stillen, angenehmen Wohnraum zu schaffen etc., sondern allein zur fortwährenden Profiterwirtschaftung. So gelten die Bedürfnisse derjenigen, die nicht über ausreichend Zahlungskraft verfügen, grundsätzlich zunächst einmal gar nichts.
Entscheidend für das entsprechende Bildungssystem ist deswegen nicht etwa, dass produzierte wissenschaftliche Erkenntnisse zum Wohle aller angewendet werden, sondern diese zählen nur dann etwas, wenn wirtschaftliche und / oder staatliche Interessen damit befriedigt werden können. So interessieren beispielsweise neue Forschungsergebnisse allein dann, wenn sich mit ihnen Gewinn erwirtschaften oder staatliche Macht mehren lässt. Das gleiche gilt selbstverständlich für die AbsolventInnen der Hochschule: Sie sollen mit ihrem erworbenen Wissen nützliche Dienste für private oder staatliche Arbeitgeber leisten. Und daran ändert sich durch die Einführung von Studiengebühren prinzipiell überhaupt nichts – außer vielleicht, dass eine noch schnellere und stromlinienförmigere Absolvierung des Studiums als bisher erreicht wird.
Der emanzipatorische Anspruch, von Kindesbeinen an ein selbstbestimmtes „Studium“ in eigener Sache zu ermöglichen, bedarf unabdingbar einer grundlegenden Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine isolierte Forderung nach „sozialen und solidarischen Hochschulen“ – ohne also zugleich danach zu fragen, in welcher Gesellschaft wir überhaupt leben – führt lediglich dazu, dass diese Verhältnisse noch gestärkt werden. Denn ohne eine solche Analyse werden die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft allzu schnell als naturgegeben und notwendig angesehen. Wer diese aber derart akzeptiert, dürfte sich keineswegs über die Einführung von Studiengebühren wundern – und sich schon gar nicht darüber beschweren.

Sinn und Zweck von Bildungsreformen

Die Bildungsoffensive der sozialliberalen Koalition in den 1970er Jahren war dem damaligen massiven Mangel an hochqualifizierten Menschen aufgrund der hohen Produktivkraftentwicklung geschuldet. Das heißt aber, dass zu dieser Zeit auch eine CDU-Bundesregierung zwangsläufig eine ähnliche Öffnung der Universitäten hätte starten müssen. Heute dagegen tummelt sich eine Überzahl an AkademikerInnen auf dem Arbeits(losen)markt, obwohl gar nicht mehr jede Art von hochqualifiziertem Humankapital seine Verwendung findet. Demnach ist auch keine staatlich vermittelte Öffnung der Hochschulen mehr nötig, der Staat muss im Gegenteil dafür sorgen, dass nur noch ausgewählte Studierende an den Unis zugelassen werden, die zudem das Richtige lernen. Wesentlich für die Bildungsreformen der 70er wie auch für die aktuellen Reformen im Hochschulbereich ist der Kontext der oben beschriebenen, durch sachlich-tauschvermittelte Aneignungsprozesse gekennzeichnete Vergesellschaftung.
Aus diesem Grund also sollen sich die Universitäten ihre Studierenden in Zukunft selbst aussuchen dürfen. Diese werden so schnell wie möglich durch ein verschultes Bachelor-Studium geschleust, da lediglich eine Minderheit mit Master in der Tasche gewinnbringend verwertbar ist und eine daher im engeren Sinne wissenschaftliche Arbeit leisten „darf“. Der Globalhaushalt ermöglicht es den Hochschulen, ihre Finanzmittel selbst zu verteilen – dabei werden wenig rentable Fächer selbstverständlich auf der Strecke bleiben. Fachbereiche konkurrieren um Exzellenzförderung, die aus dem Topf für alle genommen wird. Studiengebühren füllen nicht nur die leeren Länderkassen, sondern erfüllen darüber hinaus auch den Zweck, die Hochschulbildung so zu gestalten, dass eine maximale Verwertbarkeit des Humankapitals gewährleistet wird. Sie sorgen für eine Verkleinerung der Studierendenzahlen und zwingen gleichzeitig verstärkt dazu, sich die Fächerwahl genau zu überlegen – und zwar „genau“ im Sinne ökonomischer Kriterien und keinesfalls nach individueller Neigung.

Mein Studium ist wichtiger als Deutschland

Die Parteien unterscheiden sich vielleicht zeitweise noch in der Auffassung, ab welchem Semester Studiengebühren einzuführen sind – nicht aber darin, Menschen, wenn sie überhaupt noch studieren dürfen, für den Markt zurichten zu wollen. Dies geschieht allerdings nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus der festen Überzeugung, die Universitäten als Mittel in der aktuellen globalen Standortkonkurrenz zu optimieren. In dieser Form von (Aus)Bildung sind individuelle Interessen natürlich nur störend.
Die Absicht, die Universitäten als Mittel in der aktuellen Standortkonkurrenz zu optimieren, eint allerdings nicht allein die Parteien, sondern ebenso Unileitung und einen Großteil der Protestierenden: Auch diese wollen ihre Interessen eben nicht individuell, sondern im Endeffekt lediglich als Teil der Nation wahrnehmen – kaum einE StudiengebührengegnerIn mag darauf verzichten, die Ablehnung der Studiengebühren mit einem angeblichen Schaden für den Standort Deutschland zu begründen. Im Gegensatz zur Unileitung glauben viele Protestierende einfach nur, dass dieser Schaden eben nicht ohne, sondern mit Studiengebühren drohe. So tauchte beispielweise auf einer Antigebührendemo 2005 in Köln ein Transparent mit der Aufschrift „Studiengebühren - Eigentor für Deutschland!“ auf. Doch bei genauerer Betrachtung erscheint gerade die Einführung von Studiengebühren dem nationalen Interesse förderlich.

Protestieren in eigener Sache

Die bisherigen Protestformen führten meist dazu, dass man zwar fröhlich kreativ und konstruktiv sein konnte, aber von Unileitung und Politik notwendigerweise nicht ernst genommen wurde. Diese können daher unbehelligt an der Umsetzung der Reformpläne weiterbasteln. Als vermeintlicher Dialogpartner degradiert man sich selbst zwangsläufig zum Bittsteller, der auf das Wohlwollen von Rektorat und Landesregierung angewiesen ist. Denn in Wirklichkeit hat man es bei ihnen mit Gegnern zu tun, die sich längst für die Studienreform und somit gegen die Interessen der Studierenden entschieden haben. Auf deren Barmherzigkeit kann man genausogut verzichten, wenn man seine individuellen Interessen ernst nähme. Genau diese Fähigkeit tatsächlich selbstbestimmter Individuen aber wäre die Vorbedingung für die Schaffung einer vernünftig eingerichteten Gesellschaftsform: Nur unter dieser Voraussetzung nämlich könnten die Einzelnen sich frei zusammenfinden und müssten sich nicht mehr, wie bisher, einem wie auch immer gearteten Kollektiv unterordnen.
In diesem Sinne:
Verteidigt eure eigenen Interessen!