Bei der Betrachtung der deutschen Nachkriegsgeschichte stellt man fest, dass eine „Stunde Null“ am 8.Mai 1945 nicht stattgefunden hat. Nur mit einem massiven militärischen Kraftakt der Allierten konnte die endgültige Erfüllung des völkischen Vernichtungswillens gestoppt werden. Mit der Zerschlagung der NS-Organisationen und dem Tod von Adolf Hitler fehlte plötzlich der Bezugspunkt der VolksgenossInnen. Die ideologische Verinnerlichung des völkischen Kollektivs ging nicht spurlos an den Deutschen vorbei.
Die ökonomische Reorganisation insbesondere der westdeutschen Nachkriegswirtschaft hatte ihre Basis in Vernichtung, Zwangsarbeit und kriegsbedingter Strukturveränderungen der Industrie. Die Rede vom "Wirtschaftswunder" verschleiert das Offensichtliche und verrät, dass die deutsche Geschichtsbewältigung eine ideologische Disziplin ist.
Eine Nation muss sich Ereignisse schaffen, in denen sie sich selber bejubeln kann. Und nun haben wir, die wir ja eher an triste und trübe Gedenktage und Jubiläen gewöhnt waren, diese WM zum Anlass genommen, sozusagen das Positive zu feiern. Ich glaube, dass es ein Nationenzusammengehörigkeitsgefühl braucht, um gerade durch schwierige Zeiten zu kommen und zu sagen: Okay, das muss jetzt sein, diesen Einschnitt machen wir. Und da ist Patriotismus natürlich sehr tauglich. Und ich glaube, dass da eine gestiegene Bereitschaft ist.
(Der SPIEGEL)
Sinn und Funktion des Patriotismus in Deutschland werden hier pointiert: Es geht bei der in der WM mit dem Label „Partyotismus“ versehenen nationalen Hochstimmung um das Abstreifen der negativen Ausgangsbasis der Bundesrepublik: den Nationalsozialismus, der den Deutschen „triste und trübe Gedenktage“ beschert. Der neue Stolz wird im deutschen Feuilleton als unpoltisch und weltoffen herbeigeredet, um der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Man integriert Gerald Asamoah als exotischen Deutschen, hat Auschwitz besucht, kritisiert Israel aus dieser pädagogischen Erfahrung heraus und definiert seinen Nationalstolz vordergründig über Deutschlands führende Rolle in Sachen Ökostrom.
Dass die ins nationale Kollektiv eingemeindeten Deutschen dabei im Laufe der WM im Zweifel zeigten, dass auch die „schwarz-rot-geile Fußballparty“ ihren exklusiven Charakter nicht eingebüßt hat, lässt sich leider vielfach belegen: So wurden nach dem verlorenen Halbfinale gegen Italien in mehreren Städten gewalttätige Übergriffe auf vermeintliche und tatsächliche italienische Lokale und Personen verübt und auch in der Bonner Uni entblödeten sich zahlreiche Studenten nicht, ihren einjährigen Pizzaboykott zu verkünden. Wer den Mut hatte, sich über deutsche Gegentore zu freuen, konnte prompt den Status des Vaterlandsverräters erreichen. Mit gereizter Ausgelassenheit wurde sich beim Flaggenschwenken gegenseitig versichert, dass man aus der Geschichte nun gelernt habe und die Nörgler und Bedenkenträger in der Versenkung verschwinden sollen. Da aber Dissidenten des nationalen Taumels zumeist ohnehin fehlten, wurde die WM-Party als durchweg positiv empfunden.
In der beileibe nicht linksradikalen „Neuen Zürcher Zeitung“ wurde über einen Kneipenbesuch in Deutschland während der Fußball-WM folgendes berichtet: "Inzwischen lassen sich Millionen gern manipulieren. [...] Ein deutscher Kollege war vor ein paar Tagen in Berlin deswegen in eine hitzige Diskussion verwickelt worden, und er hatte im weiteren Gesprächsverlauf den Fehler begangen, anzumerken, dass er den neuerlichen Nationalstolz nicht nur in Anbetracht der schwindenden Bedeutung von Nationalstaaten für einen blanken Anachronismus und nebenbei für nicht ganz ungefährlich hält. Der Mann durfte sich zunächst einmal allerlei Gründe anhören, warum man auf Deutschland stolz sein könnte, und bekam noch serviert, dass doch irgendwann ›Schluss‹ mit dem alten Krempel sein müsste. Das waren keine Argumente. Es waren Vorwürfe, und in jedem Satz schwang das Wort ›Verräter‹ mit."
Der „alte Krempel“ war in den Debatten um real existierende „No-Go-Areas“ in Ostdeutschland tatsächlich äußerst störend für die zur WM herausgeputzte Nation. Der ehemalige Bundeskanzleramtschef Uwe-Karsten Heye empfahl MigrantInnen, JüdInnen, Homosexuellen und anderen Störenfrieden für Nazi-Banden vor dem Eröffnungsspiel das zu unterlassen, was sie ohnehin nicht mehr tun dürfen: „National befreite Zonen“ betreten. Heye wurde mit seinem eigentlich selbstverständlichen Hinweis zum Nestbeschmutzer. Relevant für die Debatte war nicht die Sicherheit der vom Pogrom bedrohten Personen, sondern das Ansehen Deutschlands. Auch der Partyotismus will das, was ein ordinärer deutscher Nationalismus nun einmal immer will: Einigkeit, Geschlossenheit gegenüber ihren inneren Feinden und ein bewusstloses Nach-vorne-Schauen.
"Es ist tatsächlich eine Stimmung der Einheit die Deutschland erfasst hat. […] Für die Dauer eines Turniers interessieren sich Hartz-IV-Empfänger, Investmentbankern und Intellektuelle für dasselbe, im Jubel sind die Grenzen sozialer Herkunft verwischt. Im Jubel lösen sich auch Gegensätze zwischen Ost und West auf, indem sich mancher im Osten plötzlich als Bundesbürger erkennt." (Der SPIEGEL)
Es wird nicht umsonst ständig auf vergangene und künftige Sozialreformen angespielt, wenn die Rede auf den Nationalstolz kommt. In der Debatte um „Sozialschmarotzer“, die sich parasitär an der Nation vergehen, wird der innere Feind des Patriotismus gesetzt: der Müßiggang wider die Nation. Der Wunsch des Hartz IV-Empfängers, auch an Laster und Luxus teilzuhaben, wird mit dem Hinweis auf das höhere Ziel Deutschlands denunziert. Du bist nichts, dein Volk ist alles, beziehungsweise „Du bist Deutschland“. In diesem Sinne ergeht ein freundlicher Gruß an den verschmähten „Florida-Rolf“. Antifaschismus muss immer die beständige Kritik am Versuch beinhalten, die begrenzten Möglichkeiten von Individualität im (nationalen) deutschen Kollektiv aufgehen zu lassen.
"In gewisser Weise kann als Schnittmenege dieser Entwicklungen der so genannte Staats-Antifa-Sommer 2000 angesehen werden. In dessen Verlauf wurde - im Geiste einer postmodernen, aufgeklärten und liberalen Sozialdemokratie - die aktuelle zahlenmäßige Schwäche der offenen Neonazis als Beleg für die abgeschlossene Entnazifizierung genommen und nun die gute übergroße Mehrheit zur Verächtlichmachung und damit auch zur Verharmlosung der Nazis angestiftet." (Daniel Kulla in "Entschwörungstheorie")
War es zu Beginn der 90er in der Asyldebatte für die Politik noch möglich, den entfesselten deutschen Mob als Argumentationshilfe für eine Verschärfung der repressiven MigrantInnenpolitik agieren zu lassen, erweisen sich derartige Ereignisse – etwa die rassistischen Übergriffe in Mügeln im Sommer 2007 – heute häufig als zu bekämpfender Standortnachteil.
Die deutsche Öffentlichkeit hat den Nationalsozialismus und seine Anhänger inzwischen abgewickelt. So ist der Slogan "Die NPD ist undeutsch" ebenso exemplarisch für dieses antifaschistische Selbstverständnis wie das Postulat "Deutschland ja, Nazis nein".
Der Fall Mügeln, in denen Dutzende normale Besucher eines Dorffestes die Jagd auf acht Inder als ihre Party begriffen, skizziert „[...] dass Deutschland noch immer ein Land ist, in dem Alkohol und einige unbedachte Worte genügen, um aus einer feiernden Gesellschaft einen gewaltbereiten Mob zu machen, der selbst zum Töten bereit ist.“ (DIE ZEIT)
Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen war es nicht mehr zu leugnen, dass hier keine ordinäre Kneipenschlägerei, sondern ein volksgemeinschaftliches Pogrom vorlag. Das starke Bedürfnis der deutschen Presse, die „Rechtsextremen“ als isoliertes Problem auszumachen, wurde nicht befriedigt. Der Mügelner Bürgermeister versichert: „Es ist nicht bekannt, dass es hier rechtsextreme Gruppierungen gibt“, und liegt damit wahrscheinlich richtig. Der deutsche Mob als eine Melange aus besoffener Stadtgemeinde, die keine organisierte Naziszene als Avantgarde braucht, um ihr eigenes Wohl im Totschlag zu sehen – das kann alles nicht wahr sein.
So hadert die deutsche Öffentlichkeit mit dem, was sie mit der sahnigen „Du bist Deutschland“-Kampagne nicht in Einklang bringen kann. In der ökonomisch abgehängten Peripherie Deutschlands ist das zu finden, was mit dem „Partyotismus“ und der „schwarz-rot-geilen“ Nation gar nichts zu tun haben darf: ein weitgehend unverhohlenes Handeln im Sinne der rasstistischen, antisemitischen und antiindividualistischen Ideologie. Und doch teilen sich der Mob und der Partyot aus der Metropole das Bekenntnis zu ihrer Nation, fürchten um ihr Deutschland willen die „Amerikanisierung“ aller Lebensbereiche, verachten Rolfs Platz an der Sonne Floridas anstatt ihn einzufordern, ängstigen sich vor Heuchschrecken und schmähen Israel und Polen dafür, dass es Deutschland permanent an seine eigene Vergangenheit erinnert.
Trotz allem: Ein schlichter Relaunch der „Machtergreifung“ von 1933 steht in Deutschland nicht auf der Tagesordnung, die Konstellation von Staat, Kapital und Individuum hat sich verändert. Das heißt aber nicht, dass die nach 1945 in die Privatheit entlassene Volksgemeinschaft nicht lokal die Möglichkeit bot und bietet, ordinären Deutschen wieder zur kollektiven Reinigung des "Volkskörpers" zu animieren.
In diesem Sinne ist es das einzig richtige, das Wörtchen "Wir" im Zusammenhang mit Deutschland niemals zu verwenden.