Persepolis im Kult 41

Am kommenden Sonntag zeigen wir im Rahmen unserer Reihe zum Iran den Film "Persepolis". Der Film beruht auf den autobiographischen Comics von Marjane Satrapi, die als Kind die Revolution im Iran miterlebte und nach der Durchsetzung des radikalislamischen Regimes nach Europa floh.

 

Leider gab es einige Unstimmigkeiten, was den Beginn der Filmaufführung angeht: auf manchen Flyern wurde 18 Uhr angegeben, auf anderen und im Kult41-Programm 20 Uhr. Deswegen zeigen wir den Film nun sowohl um 18 als auch um 20 Uhr im Kult 41, Hochstadenring 41.

Für eine andere Bildung! Für eine andere Gesellschaft!

Wieder einmal regt sich berechtigter Protest gegen die Zumutungen, die uns im Ausbildungsbetrieb begegnen. Der Aufruf der Bonner Jugend-bewegung zur heutigen Demonstration erkennt richtig, dass die „von einer breiten gesellschaftlichen Masse“ geäußerte Kritik am Bildungssystem
von den politischen FunktionsträgerInnen durch Scheinreformen erstickt werden soll.1 Es ist nicht zu leugnen, dass der Zweck dieses Bildungssystems das Zurechtbiegen der SchülerInnen und StudentInnen für den Arbeitsmarkt ist: möglichst effizient und billig sollen sie sein, je nach Bedarf gering oder hoch qualifiziert.

Bei allen richtigen Erkenntnissen und sympathischen Forderungen verkennt der Aufruf die Ursachen für die Mißachtung der individuellen Interessen: Den SchülerInnen und StudentInnen ergeht es nicht anders als allen anderen Angehörigen des bürgerlichen deutschen Staates, sie sind für die politischen EntscheidungsträgerInnen nichts anderes als eine Manövriermasse. Sie bestimmen, orientiert an kapitalistischen Imperativen, nach Nützlichkeitserwägungen und Profitinteressen, über Köpfe hinweg, wie das Lernen und wie das Leben aussieht. Böse Menschen müssen sie deshalb nicht sein. Sie agieren funktional, sind somit „Charaktermasken“. Sie personifizieren nichts anderes als den Staat, den Karl Marx richtig als „ideelen Gesamtkapitalisten“, also als das ideele Gesamtinteresse des in Deutschland beheimateten Kapitals verkörpernde Struktur analysierte. Als solche Charaktermasken versuchen sie nichts anderes, als optimale Bedingungen für die Verwertung herzustellen: sie versuchen, widerstreitende Interessen zwischen den Kapitalien oder zwischen einzelnen Kapitalien und den Gewerkschaften zu versöhnen, widerständige Menschen in den staatlichen Zwangsverband zu integrieren, die widerrechtliche Aneignung fremder Waren zu verhindern, Menschen, die nicht richtig „funktionieren“ in Gefängnissen und Psychiatrien auszusondern und werden von den meisten Menschen
als demokratisch legitimierte Herrschaft bei ihrem unseligen Tun auch noch akzeptiert. Das eigentliche Problem stellen aber nicht diese PolitikerInnen dar, auch dies erhellt die Rede von der Charaktermaske, sondern die Strukturen,
die die Entscheidungen der PolitikerInnen bestimmen. Natürlich ist es besser, wenn jedeR für sich selbst bestimmen kann, was er oder sie gerne tun möchte und nicht BildungspolitikerInnen, die über unsere Köpfe hinweg entscheiden, wer nach welchen Kriterien das Gymnasium besuchen darf und wer nicht, wieund was eigentlich studiert werden kann und anhand welcher Kriterien der „erfolgreiche“ Abschluss eines Studiums zu erreichen ist. Aber alle diese Fremdbestimmungen erfolgen nach zwei Kriterien: welche personellen Forderungen erhebt der Markt, worin liegen die besten Verwertungsmöglichkeiten für das deutsche Kapital? Und wieviel Widerstand regt sich dagegen?Wichtig wäre es deswegen, nicht nur ein anderes
Bildungssystem einzufordern, sondern eine vollkommen anders eingerichtete Gesellschaft. Die Interessen der Individuen sollen bestimmend
sein, frei von kapitalistischem Proftinteresse.
Einige Forderungen der Bonner Jugendbewegung weisen schon in die richtige Richtung - und geraten prompt mit dem bestehenden kapitalistischen Rahmen in Widerspruch.2 Ihre Erfüllung käme dem Sprengen des selbigen gleich. Solange die Totalität der bürgerlichen Gesellschaft Bestand hat, solange andere Bereiche von einer Revolutionierung ausgenommensind, sind die Chancen eines von von Kapital-zwängen befreiten Bildungssystems gleich Null.
Denn solange kapitalistisch produziert wird, besteht die Notwendigkeit, Individuen für Arbeitsplätze zurechtzubiegen, Wissen nur dann zu vermitteln, wenn es verwertbar ist, Ressourcen nur dann für die Ausbildung aufzuwenden, wenn sich die Investition „lohnt“. Solange die Gesellschaft vom Staat reglementiert wird, muss das Individuum daran gewöhnt werden, von Autoritäten kommandiert zu werden, darf nicht kritisch denken, bloß nicht auf den Gedanken kommen, es könne sein vermeintliches Schicksal auch in Eigenregie bestimmen. Und solange Menschen um Arbeitsplätze und Ressourcen konkurrieren müssen, können sie sich nicht solidarisch begegnen. Selbst in die persönlichen Beziehungen dringt die Logik des Kapitalismus, kein Individuum kann dem anderen ohne das Mißtrauen begegnen, von ihm verletzt zu werden, wenn es sich gestattet, Schwäche zu zeigen.
Die LUST kann und will keinen goldenen Weg aufzeigen, die oben beschriebene Misere aufzulösen und eine Gesellschaft zu bauen, die den Individuen die zwanglose Selbstverwirklichung ermöglicht. Was nicht bedeutet, dass jeder
Versuch direkt zum Scheitern verurteilt ist.
Es gilt, die Kritik der nicht auf die menschlichen Bedürfnisse eingestellten Verhältnisse auch in nicht-revolutionären Zeiten aufrechtzuerhalten.
Eine andere Bildung jedoch erfordert eine andere Gesellschaft; eine andere Gesellschaft erfordert die Revolution!

Fußnoten:

1: Möglicherweise ist ihnen dies bereits gelungen. Nachdem
im Dezember vergangenen Jahres nach Protesten im Rahmen
des Bildungsstreiks zahlreiche Hörsäle besetzt wurden, um den eigenen Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben alle nach dem Jahreswechsel stattgefundenen Proteste nur einen Bruchteil der zuvor mobilisierten Kräfte aufbringen können.

2: Diese Forderungen sind: „Eine Schule für alle! Studiengebühren
abschaffen in Kombination mit Ausgleichzahlungen! Bildung unabhängig von wirtschaftlichen Interessen! Überwindung
des BA/MA-Systems! Kostenlose Bildung von Kita, bis ans Lebensende! Ausreichend Ausbildungsplätze mit Übernahmegarantie!
Abschaffung der (Kopf-)Noten! Abschaffung des Nume-rus Clausus! Rücknahme der Schulzeitverkürzung (G8) und der zentralen Prüfungen! Erweiterte Fächervielfalt! Freie Fächerwahl
entsprechend den individuellen Lerninteressen! Kleine Kurse und kleine Klassen! Mehr Sozial-, Sonderpädagog_innen und Psycholog_innen an Schulen! Allgemeinpolitische Mit-bestimmung für alle Schüler_innen, Auszubildenden und Stu-dierenden!“ Bei manchen Forderungen sind wir uns nicht sicher, ob sie wirklich der Selbstbestimmung der Individuen dienen. So könnte beispielsweise die Verkleinerung der Klassen den Zugriff
von Autoritätspersonen auf den/die EinzelneN erhöhen. Gehen wir aber davon aus, dass ALLE Forderungen erfüllt würden, wäre der systemsprengende Charakter jedenfalls gegeben.

Nie wieder Ausbildung!

Seit dem letzten Bildungsstreik im November 2009 hat sich die Lage der Schulen und Hochschulen kaum verändert. Auch wenn die Protestbewegung die Kultusministerkonferenz zu kosmetischen Eingriffen gedrängt hat, macht sich beim Bildungsstreik Frustration breit. Die hartnäckigen Bemühungen „haben bei den Verantwortlichen in Medien, Wirtschaft und Politik (..) zu wenig Wirkung ge-zeigt“, wie im Aufruf zu ihrem Aktionstag am 22. April bemängelt wird. Immer noch ist das Ausbildungssystem ein hässlicher Sektor, an dem alle um die Erlangung von Zertifikaten und Leistungspunkten ringen, weil er die einzige - und zunehmend zerbrechliche - Hoffnung ist, einen Job zu erlangen.

Die Protestaktionen des Bildungsstreiks orientieren sich mit einigem Recht am Mach- und Greifbaren, wenn sie etwa den Masterzugang für alle und eine Übernahmegarantie für Auszubildende fordern, weil aktuell nur solche Dinge den Abstieg in die Hartz-IV- Maßnahmen abwenden können. Zugleich ist der verinnerlichte Zwang zur Jagd nach Abschlüssen das Gegenteil von „selbstbestimmte[n] Lernen und Leben statt star- rem Zeitrahmen, Leistungsdruck und Konkurrenzdruck“, das der gleiche Aufruf einfordert. Worin bestehen die Widersprüche? (Weiterlesen...)

Fragen, Kritik oder Anregungen?

Die Liste undogmatischer StudentInnen lädt alle Interessierten ein, am Dienstag, den 27. April 2010 um 20.30 Uhr im Buchladen Le Sabot (Breite Str. 76, Bonn-Altstadt) über das Elend der Lehr- anstalten, einen belastbaren Begriff von Bildung und die Bedingungen für gelungene Selbst- Bestimmung zu diskutieren. Wir freuen uns auf eine rege Debatte.

Plenum

Die Lust trifft sich während des Semesters an jedem Dienstag um 20:30 im Buchladen Le Sabot (Breite Str. 76, Bonner Altstadt). Wenn ihr Fragen zur oder Interesse an der LUST habt kommt doch einfach vorbei! Oder Kontaktiere uns per Email.